Luitpoldstraße 1

Luitpoldstraße 1

Bauherr: Michael Beißer
Baujahr: 1893
Besitzerwechsel: Die Witwe von Michael Beißer erbt nach seinem Tod das Haus.
1901 erwirbt der Privatier Friedrich Kaußler das Haus für 16.000 Mark.
1921 geht das Haus an Nathan Rosenfelder, Bankier.
Dieser baut es 1922 um.
Um 1926 kauft es Karl Weinmann, Kaufmann und Bankier.
Später geht es an Fam. David Heimann
Am 09.10.1934 wird es an Theodor Wißmüller, Zahnarzt, verkauft.

Die Familie Weinmann entschloss sich, 1934 Gunzenhausen zu verlassen. Im November verkaufte sie ihr Haus an den Zahnarzt Dr. Theodor Wissmüller.

... ich war anwesend, als mein Vater nach langem Handel dies Haus zu
14.000 Mark verkaufte ...
... nach dem Krieg schickte mein Vater diesem Zahnarzt eine Bestätigung, dass das Haus zu einem reellen Preis verkauft worden war ...’

Von der Familie Wissmüller erhielten wir alle Unterlagen, die den Besitzerwechsel des Hauses dokumentieren.

Interessant ist, dass nicht der Zahnarzt Theodor Wissmüller die Verkaufsverhandlungen führte, sondern sein Vater, Herr Michael Wissmüller, der zu dieser Zeit Oberlehrer in dem kleinen Nachbarort Wald war. Sein Verhandlungspartner war den Dokumenten zufolge das Bankhaus David Heimann (Marktplatz 16), der Arbeitgeber und Schwiegervater von Karl Weinmann.

Nach dem Krieg wurde auch dieses Haus unter Vermögenskontrolle gestellt, so dass Michael Wissmüller die aktuelle Adresse der Familie Weinmann suchen musste, um die gewünschte Bestätigung zu erhalten.

Vom Central Committee of Liberated Jews erhielt er am 19. Februar 1947 folgende Antwort

Wir haben nach allen Richtungen hin Nachforschungen über den von Ihnen gesuchten

Bankier Karl W e i n m a n n

gehalten und erst jetzt ist es uns gelungen, in Erfahrung zu bringen, dass derselbe von hier aus nach Argentinien ausgewandert ist. Das Abmeldedatum ist der 1.6.1937. Wir werden nun in Argentinien nachfragen und geben Ihnen weitere Nachrichten, sobald wir etwas Positives in Erfahrung bringen.

Hochachtungsvoll
CENTRAL COMMITTEE
B. Konichsky, Eng.

Schon eine Woche später muss die Familie die genaue Adresse erhalten haben, denn am 28. Februar schreibt Oberlehrer Wissmüller an Herrn Karl Weinmann. Er bittet ihn, ihm zu bestätigen, dass der Kauf rechtmäßig und ohne Zwang erfolgt sei und dass er auf Wiedergutmachungsansprüche aus diesem Anwesen verzichte:

Es tut mir, sehr geehrter Herr Weinmann, außerordentlich leid, dass ich Ihnen noch solche Umstände bereiten muss, aber wenn ich die Bestätigung von Ihnen nicht vorlegen kann, zieht sich die Angelegenheit unnötigerweise lange hinaus.

Frau Selma Rosenfelder hat übrigens der Bank diese Bestätigung schon zugehen lassen, so dass das Grundstück schon freigegeben wurde.

Doch die Militärregierung verlangte auch von den Käufern eine eidesstattliche Erklärung über den Kauf des Hauses.

Wissmüller Michael
Oberlehrer

Wald, 23. Nov. 1947

Eidesstattliche Erklärung

Zu dem Kauf des Hauses Luitpoldstr.1, Gunzenhausen, Eigentümer Dr. Theo Wissmüller, (Verkäufer Firma D. Heimann, offene Handelsgesellschaft, Bankgeschäft in Gunzenhausen), gebe ich folgende eidesstattliche Erklärung ab:

Da mein Sohn Theodor Wissmüller nach seiner praktischen Tätigkeit als Assistent an der Universitätsklinik Würzburg und als Vertreter verschiedener Zahnärzte die Absicht hatte, sich in Gunzenhausen niederzulassen, suchte ich auf seinen Wunsch hierfür geeignete Räume zu mieten. eine Auf eine Suchanzeige im Altmühboten, der Zeitung der Stadt Gunzenhausen, erklärte meiner Frau ein uns bekannter jüdischer Kaufmann von Gunzenhausen (Josef Guggenheimer), dass Herr Weinmann (Mitinhaber der Firma D. Heimann), Luitpoldstr. 1 geeignete Räume vermieten würde.

Bei meiner Vorsprache bei Herrn Weinmann erklärte mir dieser, dass er wegen des Hauses bereits in Verkaufsverhandlungen stehe. Auf meine Frage nach dem Kaufpreis sagte mir Herr Weinmann, dass es RM 16.000 koste. Nach kürzerer Verkaufsverhandlung einigten wir uns auf RM 14.000. Der Einheitswert des Hauses betrug damals RM 7.500. Ich bat, da mich mein Sohn nur ersucht hatte, Räume zu mieten, um einen Tag Bedenkzeit, den mir Herr Weinmann auch gewährte.

Am 9. Oktober 1934 wurde der Kauf des Hauses durch das Notariat Gunzenhausen ohne Wissen und Wollen meines Sohnes verbrieft.

Erst einen Monat später, am 6. November 1934, hat mein Sohn den Kauf des Hauses genehmigt.

Der gesamte Kaufpreis von RM 14.000 wurde bis zum 1. Jan. 1935 in bar an Herrn Weinmann bezahlt.

Dass der Kauf des Hauses ohne Zwang und rechtmässig erfolgte, ergibt sich aus der beiliegenden Erklärung des Herrn Weinmann.

Gez. M. Wissmüller

Bestätigung

Hiermit bestätige ich Herrn Oberlehrer Wissmüller, Wald, dass der seinerzeit erfolgte Verkauf des Hauses Luitpoldstr. 1 in Gunzenhausen rechtmässig und ohne Zwang erfolgte.

gez. Carlos Weinmann

Diese Bestätigung dürfte der Familie nicht leicht gefallen sein, da sie in Argentinien kaum über Geldmittel verfügte. Doch der Bankier Weinmann zeigte eine noble Haltung und verzichtete damit auf Nachforderungen, obwohl er zu dieser Zeit schon herzkrank war.